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Von der Pensionierung in den Unruhestand und in ein neues volles Leben

Autor: Prof. Dr. Kurt Jacobs

Inhaltsübersicht

1. Kindheit , schule und Beruf
1.1 Kindheit
1.2 Schule Studium und Familiengründung
2. Die Pensionierung – ein völlig neues Lebensgefühl
2.1 Die prophezeite Leere ist ausgeblieben
2.2 Meine Familie als Aktionsfeld eines vollen Lebens
2.3 Fitness und Gesundheit
2.4 Farberlebnis und Träume
2.5 Mobilität und Freizeitgestaltung
2.6 Freundschaften
3. Von der Pensionierung unmittelbar in den Unruhestand
4. Schlussgedanken

1. Kindheit, Schule und Beruf

1.1 Kindheit

Als echtes Ruhrpott-Kind wurde ich am 3. Juli 1937 in Gelsenkirchen geboren. Dort besaß mein Vater eine mittelständische Aluminiumgießerei. In meinem dritten Lebensjahr zog unsere Familie um nach Essen an der Ruhr, wo ich meine Kindheit verbrachte und bis zum Abitur im Jahre 1959 lebte.

Da ich mit schwarz aussehenden Augen zur Welt kam, vermuteten meine Eltern alsbald, dass mit meinen Augen etwas nicht stimmen könne. Nach einem längeren Ärztetourismus fand sich dann schließlich ein kompetenter Augenarzt, der bei mir eine Aniridie diagnostizierte. Durch einen sehr selten auftretenden Gen-Defekt fehlte bei mir auf beiden Augen die Iris. Meine Augen waren also gleichsam gebaut wie ein Fotoapparat, bei dem die Blende stets ganz offen ist. Mit dieser Augenfehlbildung ist eine hohe Lichtempfindlichkeit verbunden mit einer Sehschwäche gekoppelt, die sich aus der Unterentwicklung der Netzhaut ergibt. So hatte ich bei optimalen Lichtverhältnissen ein Sehvermögen von etwa einem Zehntel. Der ebenfalls auf beiden Augen angeborene grüne Star wurde auf Grund der Kriegswirren und fehlender augenärztlicher Betreuung erst in meinem 10. Lebensjahr entdeckt, wobei die sich anschließenden zwölf Operationen während meiner Jugendzeit meine Erblindung im Jahre 1968 zwar hinauszögern, aber nicht verhindern konnten.

Gerade jetzt, 60 Jahre nach Kriegsende, dessen augenblicklich in allen Medien gedacht wird, denke ich oft an meine Kindheit zurück. Sie war geprägt von den schrecklichen Erlebnissen vieler Bombenangriffe auf meine Heimatstadt und vieler angstvoller Bunkernächte. Auch der Anblick des blutroten Himmels und der vielen brennenden Häuser beim Verlassen des Bunkers nach einem Luftangriff ist in mir ständig präsent. Bei Probe- oder Feueralarm in unserem Ort läuft mir auch heute noch immer eine Gänsehaut den Rücken herunter. Das Schicksal aber war unserer Familie gnädig zugetan, denn niemand aus unserer Familie wurde im Krieg getötet, und auch unser Haus wurde von Brandbomben verschont.

Der Lebensoptimismus und die stets ermutigungspädagogische Haltung meines Vaters mir gegenüber entwickelten schon frühzeitig meinen Durchsetzungswillen und meine Leistungsbereitschaft und gaben mir genügend Abwehrkräfte gegen die Überbehütungs- und Verwöhnungstendenzen meiner recht ängstlichen Mutter, die meine angeborene Sehbehinderung eigentlich nie hat wahrhaben wollen und damit auch nicht akzeptieren konnte.

1.2 Schule, Studium und Familiengründung

Kurze Zeit nach der Kapitulation Deutschlands wurde ich auf Grund der Kriegswirren erst mit acht Jahren im Sommer 1945 eingeschult. Obwohl es schon damals in Essen eine Sehbehindertenschule gab, legte insbesondere mein Vater großen Wert darauf, dass ich die Regel-Grundschule besuchte. Auch wenn damals noch niemand von schulischer Integration sprach, durchlief ich die Grundschule und das Gymnasium mit Abschluss der Reifeprüfung erfolgreich. Dabei ist mir vor allem in Erinnerung geblieben, dass ich in meiner gesamten Schulzeit im Unterschied zu meinen Klassenkameraden nie Pause hatte. So musste ich mich in den Schulpausen stets beeilen, das, was ich in der vorangegangenen Stunde nicht von der Tafel hatte ablesen können, aus dem Heft meines Sitznachbars abzuschreiben. Sehr wahrscheinlich ist auch darauf die Tatsache zurückzuführen, dass ich selbst heute noch sehr lange, das heißt ohne Pause machen zu müssen, an einer Arbeitsaufgabe sitzen kann. Mein schulischer Erfolg war aber nicht zuletzt auch auf die mir stets entgegengebrachte Hilfsbereitschaft von Seiten der verschiedenen Lehrkräfte und der Mitschüler zurückzuführen.

Im Jahre 1959 begann ich an der Universität zu Köln das Studium der Rechtswissenschaften, das ich allerdings nach zwei Semestern abbrach, da ich den verschnörkelten Antiqua-Druck der damals einzigen deutschen Gesetzessammlung nicht lesen konnte. So entschloss ich mich Berufschullehrer zu werden und wechselte zum Studium der Wirtschafts- und Berufspädagogik sowie der Wirtschaftswissenschaften, das ich in den Jahren 1965 und 1966 mit den akademischen Graden Diplom-Handelslehrer und Diplomkaufmann abschloss. Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits 6 Jahre verheiratet. Nicht zuletzt war dieser Entschluss meinerseits, bereits mit 23 Jahren als Student eine Ehe einzugehen, auch geprägt von den nachdrücklichen Drängen meiner ängstlichen Mutter, die stets dem Vorurteil unterlag, ich könne wegen meiner Sehbehinderung “doch in der großen Stadt Köln nicht allein zurechtkommen“. Meine Frau war für mich eine gute und zuverlässige Wegbegleiterin und stand mir trotz eigener Berufstätigkeit als Vorleserin stets zur Verfügung, sodass sie an meinem Studienerfolg auch einen beachtlichen Anteil hatte, wofür ich ihr an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich danken möchte. Aus dieser Ehe, die 14 Jahre hielt, gingen meine beiden Söhne Stephan und Dominik hervor, die heute ihr Leben erfolgreich gestalten.

1.3 Beruf

Als Vorbereitung auf die Zweite Staatsprüfung absolvierte ich von 1966 bis 1968 meine Referendarzeit an der Kaufmännischen Berufsfachschule der Carl-Strehl-Schule der Deutschen Blindenstudienanstalt in Marburg sowie an der Kreisberufsschule in Kirchhain (Bezirk Kassel). Gleichzeitig promovierte ich innerhalb dieser beiden Jahre an der Universität zu Köln zum Thema “Die Berufserziehung Blinder“. Diese Dissertation ist auch heute noch als Punktschrift-Ausgabe in der Punktschrift-Bücherei der Deutschen Blindenstudienanstalt zu bekommen.

Nach meiner Zweiten Staatsprüfung und Promotion im Sommer 1968 unterrichtete ich dann noch zwei weitere Jahre an der Kreisberufsschule in Kirchhain, wobei mich im Oktober 1968 trotz vorangegangener 13 Augenoperationen das Schicksal der völligen Erblindung ereilte. Auf Grund eines täglich mehrstündigen, intensiven Mobilitätstrainings autodidaktischer Art, das ich nach meiner Erblindung während der Weihnachtsferien in dem leeren Berufsschulgebäude durchführte, gelang es mir, meine Unterrichtstätigkeit als vollblinder Berufsschullehrer auf einem breiten Fundament der Solidarität von Seiten des Lehrerkollegiums und der Schülerschaft fortzuführen.

Auf Grund des Themas meiner Dissertation erhielt ich im Sommer 1970 einen Ruf an die Pädagogische Hochschule Ruhr in Dortmund, an der ich innerhalb des Seminars für Blinden- und Sehbehindertenpädagogik für die folgenden fünf Jahre als Hochschullehrer im Range eines akademischen Rates den Lehr- und Forschungsbereich der “Beruflichen Rehabilitation und Integration Behinderter“ übernahm. Im Jahr 1975 erhielt ich vom Hessischen Wissenschaftsministerium den Ruf an die Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt, wo ich 27 Jahre lang bis 2002 die Professur “Berufliche Rehabilitation und Integration Behinderter“ in Lehre und Forschung bekleidete – im Übrigen die erste Professur dieser Art in Deutschland überhaupt. Diese 27 Jahre waren gekennzeichnet durch ein erfülltes Berufsleben als Wissenschaftler und Hochschullehrer des von mir vertretenen Wissenschaftsbereichs. Durch die ständige Begegnung mit jungen Studierenden bin ich schließlich bis auf den heutigen Tag im Herzen jung und auch körperlich fit geblieben, auch wenn in den letzten Jahren die ständig steigenden Studierendenzahlen mich oft an meine Leistungsgrenze gebracht haben. Gerade in den letzten Jahren war aber der gesellschaftliche Werteverfall immer mehr spürbar. Einzelkämpfertum, Ellenbogenstrategien und das Fixiertsein nur auf sich selbst haben inzwischen immer mehr die Oberhand gewonnen, wobei die menschlichen Tugenden wie Hilfsbereitschaft, Verständnis und Einfühlsamkeit sowie Solidarität allmählich dem Untergang preisgegeben wurden. So haben mich auch die zunehmenden aggressiven Destruktionstendenzen und der zunehmende Bücherklau in den Bibliotheken der Universität mehr und mehr abgestoßen. So blieb mir zwar auf Grund meiner Blindheit die optische Konfrontation mit den Graffiti-Schmierereien im Universitätsgebäude erspart, es empörte mich aber vor allem die Tatsache, dass die zu Semesteranfang an den Fahrstuhlsensoren angebrachten Blindensymbole schon innerhalb von zwei Wochen völlig sinnlos abgerissen wurden. Beim Eintritt in meine Pensionierung im Oktober 2002 wollte ich an der Ausbildung solcher zukünftiger Lehrer und Lehrerinnen unserer Kinder keinen Anteil mehr haben.

2. Die Pensionierung – ein völlig neues Lebensgefühl

2.1 Die prophezeite Leere ist ausgeblieben

Viele Freunde und ältere Kollegen prophezeiten mir bereits Monate vor meiner Pensionierung, dass mein bevorstehender Ruhestand als neuer Lebensabschnitt mit einer gewissen Leere verbunden sein würde. Diese Prophezeiungen haben mich nie geschreckt, weil ich an sie nie geglaubt habe. In Wirklichkeit trat das Gegenteil ein. So stellte sich alsbald bei mir ein gewisses Glücksgefühl darüber ein, keine 70 bis 80-stündige Arbeitswoche mehr zu haben, Verabredungen und Einladungen nunmehr viel freizügiger planen zu können, sich nicht mehr so gehetzt durch die Woche zu schlängeln und insgesamt das Mehr an Freizeit, also letztlich auch mehr Freiheit, genießen zu können. Erst jetzt konnte ich mein schönes Haus, inmitten der schönen Taunuslandschaft direkt am Wald im Stadtteil Langenhain der Kreisstadt Hofheim gelegen, genießen. Schließlich war es zuvor, während der Ausübung meiner Professur nur Schlafstätte und auch noch oft am Wochenende Arbeitsstätte, um alle wissenschaftlichen Hausarbeiten und Klausuren korrigieren und laufende Seminare vorbereiten zu müssen. Wie schön ist doch bis zum heutigen Tage das Leben, wenn man morgens früh nicht unmittelbar nach dem Ertönen des Radioweckers aufstehen muss, sondern Zeit dazu hat, langsam wach zu werden und dem morgendlichen Konzert der vielen Vögel am Waldrand ohne irgendeinen Zeitdruck zu lauschen. Jetzt genieße ich es, einem Hörbuch oder einer Tonbandzeitung zu lauschen, ohne dabei ein schlechtes Gewissen haben zu müssen, dass ich stattdessen eigentlich noch einige Klausuren korrigieren oder noch ein Seminar vorbereiten müsste. So komme ich auch jetzt dazu, endlich einmal ohne Zeitdruck die vielen Hörspiele zu hören, die sich inzwischen durch die Aufnahmen mit meinem Satellitenradio bei verschiedenen Sendern zu einer stattlichen Sammlung angehäuft haben.

2.2 Meine Familie als Aktionsfeld eines vollen Lebens

Dieser Lebensabschnitt begann bereits 12 Jahre vor meiner Pensionierung im Jahre 1990, als ich meine jetzige Frau Elvira während eines Spanienurlaubs kennen lernte. Sie ist eine sehr liebenswerte, treue und dem Leben zugewandte Lebensgefährtin, sodass ich – wagemutig wie ich bin – mit ihr zunächst eine partnerschaftliche Beziehung und später eine Ehe einging, obwohl sie 25 Jahre jünger ist als ich und somit auch gleichzeitig ein Jahr jünger ist als mein ältester Sohn aus meiner ersten Ehe. Sie erfüllte mir meinen langgehegten Traum, neben meinen beiden Söhnen auch noch gerne zwei Töchter haben zu wollen. So wurde Sarah Britta 1991 und Larissa Louise 1996 geboren. Auch wenn ich mich während meiner Berufstätigkeit stets darum bemüht habe, eine enge Vater-Kind-Beziehung zu beiden Töchtern aufzubauen und zu halten, so haben dennoch beide in den Jahren meiner Berufstätigkeit durch meine ständige Arbeitsüberlastung oft doch recht wenig von mir gehabt. Dies hat sich nun dank meiner Pensionierung grundlegend geändert. Sarah ist heute 14 Jahre alt, besucht das Gymnasium in der achten Klasse und ist, wie mir meine sehende Umwelt immer wieder versichert, ein bildhübsches Mädchen, das durch ihre liebenswerte Art, ihre Hilfsbereitschaft, ihr Einführungsvermögen und ihr soziales Engagement (sie ist schon seit fünf Jahren Mitglied der örtlichen Jugendfeuerwehr) allenthalben sehr beliebt ist. Bei gemeinsamen Vorbereitungsarbeiten für Klassentests erhalte ich meinerseits durch sie die Gelegenheit, meine Latein- und Englischkenntnisse aufzufrischen, andererseits bin ich aber auch augenblicklich fast täglich Angriffspunkt ihrer hormonell bedingten Achterbahnfahrten, die bekanntlich die Pubertät auszeichnen. Hier spielt sich dann zumeist ein Feuerwerk in der Familiendynamik ab, das ich aber bis jetzt durch meinen mir eigenen heilpädagogischen Langmut gut zu ertragen und zu lenken vermag. Insofern findet sich von der mir so oft angekündigten Ruhe und Beschaulichkeit in der Pensionierungsphase keine Spur, ja mein Leben verläuft sehr dynamisch und abwechslungsreich, wie es eigentlich in der Regel Väter zwischen 30 und 40 Jahren erleben. So voll im Leben stehend bietet mir meine Familie keine Gelegenheit, über das Älterwerden nachzudenken – ein Umstand, den ich auch nicht vermisse.

Einen ganz maßgeblichen Anteil daran hat auch meine jüngere Tochter Larissa Louise. Da sie von mir die angeborene Aniridie (Fehlen der Iris) auf beiden Augen, gekoppelt mit einer hohen Lichtempfindlichkeit und einer Sehschwäche in Gestalt eines Sehvermögens von 1/10 geerbt hat, verbindet mich mit ihr eine ganz besondere behindertenspezifisch-solidarische Beziehung. Ihre alltäglichen Probleme beim Sehen und die damit oft gegebenen alltäglichen Verzichtsleistungen erinnern mich ständig an meine eigene Kindheit, auch wenn ihre heutige Situation ihr durch die vielen, inzwischen erfundenen Hilfsmittel (Kaltlichtlampe, Lichtlupe, Bildschirm-Lesegerät) erhebliche Erleichterungen verschafft, von denen ich als Kriegskind nicht einmal träumen konnte, weil diese Hilfsmittel damals noch gar nicht erfunden waren. In der Erziehung von Larissa war ich von Anfang an stets darauf bedacht, den Fehler meiner Eltern mir gegenüber, die Sehbehinderung zu tabuisieren und weitgehend zu verdrängen oder gar zu verleugnen, nicht zu wiederholen. Mit ihrer bedächtigen, anmutigen und zuweilen schon erstaunlich tiefsinnigen Art vermag Larissa mit ihren neun Lebensjahren heute schon offen und frei über ihre Sehbehinderung zu sprechen und die damit alltäglich verbundenen Erschwernisse zu problematisieren. In einem Punkt aber habe ich bei beiden Töchtern, insbesondere aber bei Larissa, die Erziehungskonzeption meines Vaters fortgesetzt, nämlich sie im Sinne einer kontinuierlichen Ermutigungs- und Selbstbehauptungspädagogik zu Erdenbürgern zu erziehen, die mit Lebenszutrauen und Lebensoptimismus ihr Leben täglich neu in die Hand nehmen und bei erzieherischer Begleitung weitgehend selbstbestimmt zu gestalten. Dazu gehört auch nach einigen Beratungsprozessen zwischen Eltern und Kind Larissas autonome Entscheidung, anstatt die Grundschule vor Ort integrativ zu besuchen, auf die Sehbehindertenschule nach Frankfurt zu gehen, auf die sie sich auch jetzt noch im dritten Schuljahr täglich freut und sich dort als fleißige und motivierte Schülerin mit erstaunlichem Durchhaltevermögen trotz der zwei Stunden Busfahrt profiliert. Auf Grund ihres guten Sozialverhaltens, mit dem sie insbesondere schwächere Schüler unterstützt, ist sie bei allen Mitschülern und Lehrkräften sehr beliebt. Über ihre diesbezügliche Entscheidung bin ich auch heute noch sehr glücklich, bleibt ihr doch eine ganze Menge an Stress erspart, den ich, auf der Grundschule und auf dem Gymnasium integrativ beschult, selbst schon in einer Schulzeit verkraften musste, die noch nicht vom Pisa-Fieber gekennzeichnet war.

2.3 Fitness und Gesundheit

Da ich schon während meiner Berufstätigkeit immer darauf bedacht war, in einem Zwei-Jahres-Zyklus mit einer Heilfasten- oder Schrothkur nach einer arbeitsbedingten Erschöpfungsphase meine Kräfte immer wieder aufzutanken, wird mir dies nunmehr im Pensionsalter mit einer guten und stabilen Gesundheit belohnt. In meiner 32-jährigen Hochschullehrertätigkeit erkrankte ich lediglich dreimal für eine Woche an einer Grippe. Bluthochdruck, Herzbeschwerden, Rückenschmerzen sowie Kopfweh oder Schlafstörungen kenne ich nur aus einschlägigen Berichten in Büchern oder Zeitschriften. Daher kommen mir auch die zahlreichen Berichte über altersbedingte Erkrankungen, wie sie zum Beispiel stets auf der Tonbandzeitung der Fachgruppe Ruhestand zu vernehmen sind, vor wie Berichte aus einer anderen Welt. Dennoch ist dies für mich keine Selbstverständlichkeit und in Anbetracht meiner guten und stabilen Gesundheit empfinde ich jeden Tag als ein neues Geschenk. Wen wundert es da, wenn meine beiden Töchter angesichts ihres Vaters, der Einkaufstüten schleppt oder Getränkekisten aus dem Kofferraum des Autos wuchtet und in den Keller trägt, überhaupt nicht realisieren, dass ich vom Alter her eigentlich ihr Großvater sein könnte. So sorgt auch meine junge Frau sich stets um den Erhalt meiner Fitness und weckt mich zuweilen morgens schon um kurz vor 6 Uhr, um mit ihr Arm in Arm eine gemeinsame Morgenrunde mit unserem schwarzen Labrador durch den nahe gelegenen Taunuswald zu gehen. Widerstände dagegen ergeben sich bei mir lediglich im Winter, da ich mit zunehmendem Alter den eisigen Wind im Taunus immer schlechter ertragen kann und auch das Stapfen durch den Schnee mehr Abneigung als winterliche Freuden erzeugt.

2.4 Farberlebnis und Träume

Insbesondere in der Wissenschaftsdisziplin der Psychologie wird seit langem auf dem Gebiet des Farberlebens und der Träume bei blinden Menschen geforscht. Da dieser Erlebniskomplex in letzter Zeit häufiger thematisiert wird, möchte ich an dieser Stelle aus der Sicht eines spät erblindeten Menschen dazu einige Anmerkungen machen.

Trotz eines zunächst recht erfolgreichen operativen Eingriffs bei meiner beidseitigen Netzhautablösung im Jahre 1968 stellt sich zwei Wochen später durch eine beidseitige Ablösung der Aderhaut, verbunden mit starken Bluteinbrüchen in beiden Augen, meine Vollblindheit endgültig ein. Die in der Literatur oft beschriebene “Finsternis“ oder “ewige Nacht“ trat aber bei mir zu meiner eigenen Verwunderung nicht ein. Seit meiner Erblindung habe ich bis auf den heutigen Tag unterschiedliche Farberlebnisse, die, wie mir augenärztlich erklärt wurde, auf ein “Eigenleuchten der Netzhaut“ zurückzuführen seien. Also sendet die Netzhaut meiner Augen ständige unterschiedliche Lichtreize ans Gehirn. So schaue ich zum Beispiel häufig beim Einschlafen beidseitig auf eine helle Wand, was mich an das Ausleuchten einer Wand mit starken Scheinwerfern erinnert. Nach dem Erwachen schaue ich zuweilen auf eine orange-goldene Wand, wobei mich dieses Farberlebnis an eine in der Sonne liegende Orange erinnert. Im Verlaufe eines Tages schaue ich dann zuweilen auf eine grasgrüne Wand, die mit kleinen weißen Feldern durchsetzt ist, gleichwohl so, als ob ich auf eine saftige Wiese mit unzähligen Gänseblümchen schaue. Es kann sich aber auch im Laufe des Tages ein hässliches Grau einstellen, das ebenfalls mit kleinen weißen Feldern durchsetzt ist. Dieses Farberlebnis erinnert mich stark an einen Straßenbelag aus Asphalt, auf dem noch einige Schneereste liegen. In den zurückliegenden 37 Jahren habe ich immer wieder versucht, die unterschiedlichen Farberlebnisse mit bestimmten Tätigkeiten, Erlebnissen oder unterschiedlichen Stimmungen im Tagesverlauf in Verbindung zu bringen, jedoch ist es mir nicht gelungen, einen diesbezüglichen Zusammenhang herzustellen. Nach wie vor empfinde ich die unterschiedlichen Farbwahrnehmungen als sehr interessant und auch als anregend, muss ich mich doch somit nicht krampfhaft an Farbeindrücke, die ich als Sehender gehabt habe, erinnern, da sie mir stets in wechselnder Folge präsent sind.

Träume sind für mich etwas sehr Lebendiges und Spannendes. Ich träume stets als Sehender in farbigen Bildern in dem geringen Sehvermögen, das ich als sehender junger Mensch hatte. Interessant und geradezu etwas witzig ist es dabei, dass ich im Traum, wenn ich mich im Straßenverkehr bewege, nur Autos sehe, die zu meinen sehenden Zeiten auf den Straßen fuhren. Solche Träume sind also in der Tat eine wahre Oldtimerparade. Dieser Umstand wurde bis zum heutigen Tag auch nicht durch die Tatsache verdrängt, dass ich als Auto-Fan bei jeder möglichen Gelegenheit die neuesten Automodelle der verschiedenen Automarken abtaste, um mir ihre heutige Form erfahrbar zu machen. Offensichtlich also sind die ursprünglichen Seherfahrungen als Reize für das Gehirn in meinen Träumen wichtiger als aktuelle Tasterfahrungen. Es ist zwar für mich in meinen Träumen sehr schön, sehen zu können, jedoch enden die Träume dann zumeist beim Wachwerden mit der frustrierenden Erkenntnis, letzten Endes doch blind zu sein.

2.5 Mobilität und Freizeitgestaltung

Die schon kurze Zeit nach meiner Erblindung 1968 getroffene Entscheidung, ein intensives Langstock-Training zu absolvieren, hat sich in Bezug auf meine Mobilität bis zum heutigen Tag sehr gelohnt. Die dadurch gewonnene Mobilität, gepaart mit einem guten Orientierungsvermögen, das ich mir als Späterblindeter erhalten habe, versetzte mich schon in den Jahrzehnten meiner Berufstätigkeit in die Lage, den täglichen Weg von Hofheim zur Universität Frankfurt weitgehend selbstständig zu bewältigen, wenn ich auch im Frankfurter Hauptbahnhof selbst die Hilfe der Bahnhofsmission in Anspruch nehmen musste. So ist es auch heute für mich kein Problem, von zu Hause aus den 400m langen Weg zur Bushaltestelle alleine zurück zu legen, um mit dem Bus zum Hofheimer Bahnhof zu gelangen. Da wir heutzutage in Deutschland ein gut funktionierendes Netz von sozialen Hilfsdiensten (zum Beispiel Bahnhofsmission) haben, sind für mich selbstständige Reisen ohne sehende Begleitung mit dem Zug oder auch mit dem Flugzeug kein Problem. Um solche Unternehmungen durchführen zu können, bedarf es natürlich eines gewissen Planungs- und Organisationsmanagements, denn Blindheit ist eine Behinderung, die zum Erhalt der Selbstständigkeit organisiert werden muss.

Meine Mobilität im eigenen Haus ist auf Grund meines Orientierungsvermögens und meiner täglich gelebten, strikten Ordnungsstrukturen uneingeschränkt gegeben. So führen solche Ordnungsstrukturen zum Beispiel auch dazu, dass ich in unserem Haushalt zuständig bin für das Ein- und Ausräumen der Spülmaschine, da ich erheblich mehr Geschirr in die Spülmaschine einzuräumen vermag als meine Frau.

Da der Erhalt meiner Selbstständigkeit ein wesentliches Lebenselement für mich ist, bin ich den Sportarten wie Jogging oder Walking nicht sehr zugetan, da ich dabei stets auf eine sehende Begleitung angewiesen wäre. Das bereits in meiner Jugend leidenschaftlich betriebene Radfahren genieße ich aber auch heute noch im Alltag. So besitzen meine Frau und ich ein leistungsstarkes Tandem, mit dem wir bei schönem Wetter an Wochenenden schöne Radtouren unternehmen. Dabei werden wir dann zumeist von unseren Töchtern begleitet, die ebenfalls auf einem Kinder-Tandem radeln. Weiterhin genießen wir die Wochenenden oft auf dem wunderschönen Campingplatz “Naturpark Odenwald“ in Limbach, wo wir seit vielen Jahren einen Standplatz haben. Weitere schöne Stunden in der Freizeit verleben wir auch mit unserem großen Reisemobil, mit dem wir an Wochenenden für drei Tage schöne Campingplätze anfahren und auch in den Schulferien schöne Urlaubsfahrten, wie zum Beispiel mehrfach nach Italien unternehmen. So stellt sich mein heutiges Leben sehr abwechslungsreich und bunt dar, sodass die für das Alter oft prophezeite Langeweile oder Eintönigkeit für mich überhaupt kein Thema sind.

2.6 Freundschaften

Je älter ich werde, umso behutsamer und anspruchsvoller gehe ich mit dem Phänomen Freundschaft um. Auf Grund meiner Lebenserfahrung habe ich gelernt, echte Freunde von denen zu unterscheiden, die sich nur als solche ausgeben, weil sie sich durch den persönlichen Kontakt mit mir irgendwelche Vorteile versprechen. Durch diese Einstellung meinerseits ist der Kreis meiner echten Freunde auf einen kleinen, erlesenen Kreis zusammengeschrumpft. So gibt es aus meiner Zeit als Hochschullehrer an der Universität Frankfurt einige ehemalige Studierende, die nach ihrem Examen den Kontakt zu mir gehalten haben, woraus sich im Laufe der Jahre echte Freundschaften entwickelten. Hier ist vor allem mein Freund Harald Goll, der bei mir vor 20 Jahren sein Diplomexamen ablegte, anschließend bei mir promovierte und sich auf diesem Fundament ebenfalls zum Hochschullehrer profilierte und heute eine Professur für Geistigbehindertenpädagogik an der Universität Erfurt inne hat. Hier wurde aus dem ehemaligen Doktorvater-Verhältnis eine echte Freundschaft, die ihresgleichen sucht.

Einen besonderen Stellenwert nimmt mein Freund Dieter Kestner ein, der gemeinsam mit mir im Jahre 1945 eingeschult wurde, woraus sich im Laufe der Jahrzehnte eine Lebensfreundschaft entwickelte, sodass wir im Jahre 2005 unsere 60-jährige Freundschaft gebührend gefeiert haben. Solche echten Freundschaften stellen für mich unverzichtbare Elemente meiner Lebensqualität dar, sind doch Menschen, denen man sich eng verbunden fühlt, von denen man sich verstanden fühlt und auf die man sich in jeder Situation helfend und unterstützend verlassen kann, gerade zu ein Geschenk des Himmels, das das eigene Leben facettenreich und lebenswert werden lässt.

3.Von der Pensionierung unmittelbar in den Unruhestand

Kaum hatte ich im Oktober 2002 meine zahlreichen Umzugskisten, mit denen ich ausgewählte Examensarbeiten und Seminarpapiere zu mir nach Hause überführt hatte, ausgepackt, da ereilte mich die Einladung von Seiten der Stadt Hofheim, an einem Arbeitskreis zur Gründung eines Behindertenbeirats der Kreisstadt Hofheim mitzuwirken. Nach ungefähr einem Jahr legte dann der Arbeitskreis eine mit der Hessischen Gemeindeordnung kompatible Satzung eines Behindertenbeirats vor, nach der dieser ein offizielles und gewähltes, elfköpfiges Gremium des Magistrats der Stadt Hofheim sein sollte. So wählten ausschließlich Bürger und Bürgerinnen mit Behinderungen der Stadt Hofheim per Briefwahl im November 2003 die elf Mitglieder dieses Beirats, wobei vorgegeben war, dass alle Mitglieder selbst von einer Behinderung betroffen sein mussten. Die Konstituierende Sitzung des Behindertenbeirats fand am 19. Februar 2004 statt, auf der ich zum Vorsitzenden gewählt wurde und damit gleichzeitig qua Satzung das Amt des Behindertenbeauftragten der Kreisstadt übernahm. Dass dies alles recht reibungslos und glatt verlief, ist insbesondere dem diesbezüglichen großen Engagement unserer Bürgermeisterin Gisela Stang zu verdanken, die ebenfalls als Mitglied des Vorbereitenden Arbeitskreises die Gründung eines Behindertenbeirats von Anfang an mit allen Kräften unterstützte und seit der Gründung des Beirats die Stellung eines “Beratenden Magistratsmitglieds“ in diesem Gremium einnimmt. So ist es auch ihrem Engagement zu verdanken, dass ich innerhalb weniger Monate ein eigenes Büro im Rathaus erhielt und mir bei Aufnahme meiner Arbeit ein Universal-Reader im Wert von 5.000 Euro zur Verfügung gestellt wurde. Bei diesem Gerät handelt es sich um ein Computer, kombiniert mit einem Scanner, mit dem ich alle Druckerzeugnisse einscannen und mir mit einer angenehmen Frauenstimme vorlesen lassen kann. Somit wurde ich von Anfang an in die Lage versetzt, völlig unabhängig Magistratsvorlagen, Infobriefe, Veranstaltungshinweise usw. selbst lesen und bearbeiten zu können. Weiterhin steht mir eine Angestellte des Magistrats als Assistentin zur Erledigung von Schreibarbeiten und zur Registraturführung mit 15 Stunden pro Woche zur Seite.

In Ausübung dieses Amtes kommt mir natürlich meine Kompetenz zu Gute, die sich einerseits aus meiner eigenen Behinderung, aber auch andererseits aus meiner Hochschultätigkeit mit dem Schwerpunkt Sonderpädagogik ergibt. Inzwischen hat sich nunmehr nach 20 Monaten der Aufgabenkreis im Hinblick auf eine Barrierefreie Stadtgestaltung sehr erweitert, zumal ich auch intensiv darum bemüht bin, die Zielsetzungen des seit diesem Jahr in Kraft getretenen Hessischen Behindertengleichstellungsgesetzes in unserer Kommune umzusetzen. Dabei hat es sich herausgestellt, dass sehr viel Verhandlungsgeschick, Beharrlichkeit und Durchhaltevermögen notwendig sind, um auf Seiten des Magistrats der Stadt Hofheim die Bedürfnisse und Belange von Bürgerinnen und Bürgern in Hofheim anzugehen und durchzusetzen. Einerseits erfordert dies einen oft hohen Zeitaufwand und viel Kraft, andererseits bringen aber auch die erzielten Erfolge viel Freude und Zufriedenheit. Dieses Ehrenamt füllt mich zeitlich so stark aus, dass ich dies auch nur im Status eines Pensionärs durchführen kann, auch wenn damit ähnlich einer regulären Berufstätigkeit ein täglicher Unruhestand verbunden ist. Viele Arbeiten kann ich auch zu Hause erledigen, da ich in meinem häuslichen Büro über das gleiche Vorlesegerät verfüge wie in meinem Büro in der Stadt und für mich im Rathaus ankommende Telefongespräche automatisch zu mir nach Hause umgeleitet werden. Meine Amtszeit ist satzungsgemäß für insgesamt fünf Jahre bis zu den Neuwahlen vorgesehen. Außerdem wurde ich im März 2004 von der Hessischen Landesregierung in den (nach den Bestimmungen das Hessischen Behindertengleichstellungsgesetzes zu gründenden) Landesbehindertenbeirat gewählt. Neben allen anderen Mitgliedern, die ausschließlich Vertreter von Behindertenverbänden sind, nehme ich in diesem Gremium als Einziger eine unabhängige, also autonome Stellung ein. Damit hat sich mein Wirkungskreis über die Kommune hinaus auch in Bezug bestimmte Probleme und Fragestellungen auf das Land Hessen ausgeweitet.

Insgesamt erfüllen mich diese ehrenamtlichen Tätigkeiten mit großer Zufriedenheit, da ich nicht dazu verurteilt bin, meinen Pensionärsalltag mit Trivialitäten zu verbringen, sondern schon Einiges für ein selbstbestimmtes Leben von Menschen mit Behinderungen in einem mehr und mehr Barriere freien, städtischen Raum bewirkt habe und noch werde bewirken können, um an der Umgestaltung unserer Lebensräume im Hinblick auf mehr Akzeptanz, Mobilität und größere gesellschaftliche Teilhabe von Bürgerinnen und Bürgern mit Behinderungen tatkräftig mitzubauen.

4. Schlussgedanken

Ich bin froh und glücklich darüber, nicht zu den Pensionären zu gehören, deren Tagesstruktur nur aus den drei bis vier Mahlzeiten besteht und die oft nicht wissen, die dazwischen auftretenden Leerräume sinnvoll zu füllen. Da es mir tatsächlich gelungen ist, mich von der Universität Frankfurt endgültig und ohne ein Stück Traurigkeit zu verabschieden, habe ich für mich neue innere Freiräume gewonnen, in denen ich mit Elan und Begeisterung im oben geschilderten Sinn noch viel bewirken kann, und mir somit eine große innere Lebenszufriedenheit zuteil wird. Zudem sind meine drei mich im Lebensalltag umgebenden, jugendlichen Frauen in Gestalt meiner Frau und meiner beiden Töchter für mich ein echter Jungbrunnen und Lebensquelle, der mich das Älterwerden vergessen lässt und dafür sorgt, dass ich in meinem Herzen jeden Tag als einen Sonnentag erlebe, der mir eine innere Fröhlichkeit beschert und mich somit mein volles und zugegebenermaßen recht unruhiges Leben genießen lässt. Möge es noch lange so bleiben!

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