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Verkehrsschule für Behinderte und Nichtbehinderte

Inzwischen ist es in den meisten Bundesländern selbstverständlich, dass Kinder in den Grundschulen eine „Radfahrprüfung“ ablegen. Im Rahmen der Vorbereitung ganzer Schulklassen auf diese Prüfung kann nur schwer auf die individuellen Bedürfnisse von behinderten Radfahrern eingegangen werden.
Sabine Strauch berichtet von der Verkehrsschule für Behinderte und Nichtbehinderte des Diakonischen Werkes Berlin, wo behinderte Radfahrer in Kleinstgruppen ihr Fahrrad zu beherrschen lernen.

Die Verkehrsschule für Behinderte und Nichtbehinderte des Diakonischen Werkes Berlin besteht seit 1983. Auf dem Gelände des Evangelischen Johannesstiftes in Berlin-Spandau wurde ein Verkehrsübungsplatz errichtet, der, vergleichbar öffentlichen Jugendverkehrsschulen in Berlin, Behinderten die Möglichkeit gibt, ein Fahrrades oder Dreirad zu beherrschen lernen.

In Zusammenarbeit mit dem Verkehrserziehungsdienst der Berliner Polizei (in Berlin ist die Radfahrprüfung für Schüler im 4. Schuljahr obligatorisch) können jedes Jahr einige Behinderte die Prüfung bei uns ablegen. Sie erhalten die Bestätigung, dass sie sich sicher, mit oder ohne Begleitung im Straßenverkehr mit einem Fahrrad oder Dreirad bewegen können.

Wegen der großen Unterschiede in der Art der Behinderungen unserer Besucher findet das Training in kleinen Gruppen von höchstens 8 Teilnehmern statt, durchschnittlich handelt es sich um 4 Personen. Im Rahmen des Schulunterrichts, der betreuten Werkstätten oder der Wohnbetreuung kommen die Gruppen einmal wöchentlich für circa eine Stunde zu uns. Im Schonraum des Verkehrsübungsplatzes und des uns umgebenden Stiftsgeländes wird die Fahrzeugbeherrschung geübt und auf die Einhaltung wichtiger Verkehrsregeln geachtet. Später wird das Gelernte in der Verkehrswirklichkeit angewendet und weiter vertieft. Im Vordergrund steht dabei immer die Sicherheit. So lehren wir zum Beispiel ausschließlich das sogenannte „sichere (indirekte) Linksabbiegen“.

Die Dauer des Trainings ist nicht festgelegt. Einige Behinderte legen die Prüfung innerhalb von drei Monaten ab, andere benötigen die ganze Sommersaison dafür, wieder andere kommen seit Jahren im Sommerhalbjahr zu uns in die Verkehrsschule. Das Ablegen der Radfahrprüfung steht als Ziel eher im Hintergrund; viele unserer Besucher sind geistig oder körperlich so schwer behindert, dass sie sich ausschließlich in Begleitung im Straßenverkehr bewegen sollten.

Trotzdem halten wir die Vermittlung von Verkehrssicherheit auch an Schwerstbehinderte für sinnvoll, da sie zur Entwicklung und Erweiterung der Erfahrungsbereiche und zur Förderung des Selbstbewusstseins beiträgt. Während der Wintermonate von November bis März werden Gruppen von uns in ihrer Schule, Werkstatt oder Wohnung besucht. Schwerpunkt ist dann das Training mit Fußgängern oder Benutzern von öffentlichen Verkehrsmitteln. Auch gezielte Wegetrainings werden von uns durchgeführt.

Neben der praktischen Arbeit entwickeln wir im Rahmen einer Projektgruppe, in der Kollegen aus verschiedenen Einrichtungen für Behinderte und ein Vertreter des Verkehrserziehungsdienstes der Berliner Polizei mitarbeiten, Materialien für die Trainingsarbeit mit Behinderten.

1989 konnten wir mit finanzieller Hilfe der Senatsverwaltung für Arbeit, Verkehr und Betriebe der Stadt Berlin, die die Verkehrsschule mit Personal- und Sachkosten finanziert, einen Videofilm erstellen. Der Film ist circa 16 Minuten lang und gibt einen Überblick über unsere Arbeit. Eine Kopie ist über die Landesbildstelle Berlin erhältlich. Darüber hinaus entstand ebenfalls 1989 in Zusammenarbeit mit den Berliner Verkehrsbetrieben ein Videofilm, der Busfahrern in der Ausbildung die Probleme von Rollstuhlfahrern näherbringen soll.
Eine weitere Aktivität der Verkehrsschule besteht in der Teilnahme an Seminaren und Fachtagungen zum Thema. Die Mitarbeiter der Verkehrsschule bieten jedes Jahr auch selbst eine mehrtägige Fortbildungsveranstaltung an, die auch bei Teilnehmern aus dem Bundesgebiet Interesse findet.

Published inRund ums Rad
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