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Barrierefreier Square Dance für Sehgeschädigte

Für Menschen mit einer Sehschädigung hat der klassische Standard-Tanz den Nachteil, dass man dabei stets einen guten Überblick über die Tanzfläche braucht. Nur so lässt ein Zusammenstoß mit anderen Tanzpaaren vermeiden. Dies gilt insbesondere für die Herren, denn ihnen kommt traditionell die Rolle des Führens zu.

Dem gegenüber hat Square Dance den Vorteil, dass jeder die Schrittfolge tanzt, die der Caller vorgibt. Wenn das alle acht Tänzerinnen und Tänzer richtig machen, tritt man niemanden auf die Füße und Zusammenstöße gibt es auch nicht. Square Dance ist deshalb für Blinde und Sehgeschädigte gut geeignet.

Bei den Rahmenbedingungen und beim Tanzen selbst, gibt es jedoch viele Faktoren, die für Blinde und Sehgeschädigte die Freude am Square Dance steigern und mindern können. Eine positiver Nebeneffekt beim Square Dance besteht darin, dass man als Anfänger sehr viele nette, aufgeschlossene, kommunikative Menschen kennenlernt, die darüber hinaus auch hilfsbereit sind. Dies ist für das Grundproblem aber nur begrenzt hilfreich.

In der Einleitung habe ich bisher ganz bewusst den Begriff der „Sehgeschädigten“ verwendet, auch wenn man umgangssprachlich von Sehbehinderten spricht. Der Unterschied liegt darin, dass eine Sehschädigung primär nur die Sehleistung reduziert. Wenn die Umweltbedingungen jedoch so gestaltet sind, dass ich als Sehgeschädigter etwas nicht kann, werde ich behindert an der uneingeschränkten gesellschaftlichen Teilhabe. Bei Square Dancern ist es natürlich kein Problem Hilfe zu bekommen, dies kann aber nicht den Verlust an Autonomie und Selbstbestimmung ersetzen, die durch umweltbedingte Behinderungen entstehen.

Weil die meisten Behinderungen ebenso unnötig wie vermeidbar sind, ist es das Ziel dieses Beitrages das Problembewusstsein und eine daraus hoffentlich erwachsende Sensibilität bei sehenden Tänzerinnen und Tänzern zu wecken und zu fördern. Unter diesen dürfen sich hier insbesondere die ehrenamtlich aktiven in den Square Dance Clubs besonders angesprochen fühlen, weil sie auf die Rahmenbedingungen besonderen Einfluss nehmen können.

Barrierefreie Informationen

Wenn ich mich als sehgeschädigter Interessent über Square Dance erkundigen möchte, stoße ich schnell auf das Problem, dass die Websites der Clubs und Verbände nicht barrierefrei sind. Das bedeutet, dass für Blinde und Sehgeschädigte die Navigation und die Informationen nicht bedienbar und/oder wahrnehmbar sind.

Das ist zunächst keine Frage des Geldes, sondern des Problembewusstseins hierfür. Denn auch kleinen Vereinen ist es heute durchaus möglich Webseiten zu erstellen, deren Inhalte und Navigation zumindest zugänglich sind, wenn auch nicht gänzlich barrierefrei. Die von den Colonia Swingers seit 2014 betriebene Website ist hierfür ein positives Beispiel. Das ist gut so und hilft nicht nur mir, sondern auch vielen anderen Interessenten und Tänzern.

Ebenfalls sehr schön und kreativ gestaltet sind die Flyer zu den verschiedenen Square Dance-Events. Mit Barrierefreiheit haben diese jedoch überhaupt nichts zu tun. Blinden und vielen Sehgeschädigten sind diese weder als Ausdruck noch als PDF zugänglich. Wenn die Informationen dann auch auf der Website nicht zugänglich sind, geht es ohne persönliche Hilfe leider nicht.

Wegbeschreibungen

Auffällig ist außerdem, dass es auf den Websites und Flyern meistens nur Wegbeschreibungen für Autofahrer gibt. Etwas was in Zeiten von Navigationsgeräten immer weniger Autofahrer noch wirklich brauchen. Für Tänzer die auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen sind, findet man hingegen nur selten eine Wegbeschreibung. Hilfreich wäre hierfür insbesondere die genaue Bezeichnung der nächsten Haltestelle/n und die Beschreibung des Fußweges von dort zum Tanzort. In ländlicheren Regionen wäre auch eine Taxi-Rufnummer hilfreich.

Gleiches gilt auch für Wegbeschreibungen zu anderen Treffen, wie zum Beispiel einer gemeinsamen Wanderung. Hierbei wird in der Regel von der Automobilität der Teilnehmer ausgegangen und von einem Wanderparkplatz losgelaufen, der nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar ist. Dies ist jedoch nur ein Teil des Problems, weil an Fahrgemeinschaften oder entsprechende Wegbeschreibungen nicht zwingend gedacht wird.

Tanzkleidung

Zur Tanzkleidung gehört traditionell beim Modern Square Dance der Petticoat für die Lady. Als Unterscheidungsmerkmal zu den Boys eignet sich der Petticoat ganz hervorragend. Weil viele Ladys heutzutage bei Clubabenden in Hose tanzen, wird für die Sehgeschädigten Tänzerinnen und Tänzer die Orientierung bei den Formationen im Square unnötig erschwert. Gleiches gilt natürlich auch dann, wenn eine Lady im Rock als Boy tanzt.

Bei den Colonia Swingers ist am ersten Mittwoch im Monat der Monatstanz mit einem externen Gast-Caller>/span>er. An diesem Abend gilt die Regel, dass Tanzkleidung erwünscht ist, der Anteil der Ladys, die dies tun ist aber nur geringfügig höher als an den übrigen Clubabenden.

Damit die sehenden Tänzer und der Caller besser erkennen können, wer was tanzt, gibt es bei den Colonia Swingers blaue Scherpen für die Ladys, die Boys tanzen. Leider werden auch diese nicht konsequent verwendet. Mir sind sie eine größere und wichtigere Hilfe als für sehende Tänzer. Aber grundsätzlich sind sie für alle gut.

Noch besser wäre es, wenn es diese Scherpen in verschiedenen Farben geben würde, damit die Tänzerinnen sich jeweils eine mit einem großen farblichen Kontrast zur eigenen Kleidung aussuchen könnten. Das Tragen dieser Scherpen sollte außerdem genauso zur Pflicht werden, wie die Regel, dass man nicht durch eine Square läuft. Tut man dies, muss man dreimal um den Square laufen. Warum das Tanzen ohne Scherpe hingegen nicht sanktioniert ist, hat sich mir noch nicht erschlossen.

Darüber hinaus kann dunkle Tanzkleidung je nach Tanzort ein Problem werden. In Räumen mit einer hellen gleichmäßigen Ausleuchtung und hellen Wänden hat auch dunkle Kleidung einen guten Kontrastwert. In Räumen mit Wänden in betongrau und für sehgeschädigte unzureichender Beleuchtung werden Tänzerinnen und Tänzer in dunkler Kleidung fast unsichtbar.

Der Abstand in dem sie sichtbar werden wird durch dunkelbrauen oder schwarze Kleidung sehr viel kürzer. Die Reaktionszeit für den richtigen Bewegungsablauf wird es dann ebenfalls. Dies Reaktionsschnell auszugleichen, dürfte für Tänzerinnen und Tänzer die noch nicht so viel Übung haben unnötig anstrengend werden. Farbenfroh gekleidete Tänzerinnen und Tänzer können also mit wenig Aufwand sehr hilfreich sein.

Tanzpartner-Software

Was viele Tänzer als anstrengend empfinden, ist die Suche nach einem Tanzpartner für die nächsten Tips. Dies ist vermutlich der Grund dafür gewesen, dass eine Softwaree entwickelt wurde, die Tanzpaare zusammenbringt.

In der Praxis sieht das so aus, dass das eigene Batch auf der Rückseite einen Barcode hat, mit dem man sich zu Beginn anmeldet an einem PC mit Scanner. Grundsätzlich sehe ich durchaus Vorteile bei der Nutzung einer solchen Software. Weil diese jedoch noch nicht ausgereift ist, werde ich als Sehgeschädigter hiermit Behindert gemacht.

In diesem Fall liegt das Problem darin, dass Blinde und Sehgeschädigte, das Display am Notebook nicht sehen und auslesen kann. Ohne Hilfe durch andere Tänzer, könnte ich die verschiedenen Funktionen des Systems nicht nutzen. Mir wird durch ein solches System jegliche Autonomie bei der Wahl einer Tanzpartnerin genommen.

Wenn ich hingegen zum Beispiel mein iPhone mit Sprachausgabe als externes Terminal verwenden könnte, wäre das Problem gelöst. Eine solche Weiterentwicklung der Software, hätte auch den Vorteil, dass sich nicht alle Tänzer um das eine Notebook drängen müssten.

So lange dies so ist, bin ich gegen den Einsatz solcher technischen Unterstützung zur Tanzpartnersuche. Für den Einsatz in einer Gesellschaft die sich die Inklusion auf die Fahnen geschrieben hat, erscheint eine solche Software bisher nicht tauglich. Und etwas provokanter Formuliert: Gleiches gilt für die Befürworter einer solchen Software .

Triangles Rotations Programm von Thomas Omerzu— zu finden unter:
www.trianglesrotation.de

Getränke

Je nach Tanzort ist es nicht gestattet eigene Getränke am Clubabend mitzubringen. Wenn ich mich daran halte, habe ich gleich zwei Probleme. Meine Getränkeflasche ist zunächst genauso wie die der anderen Tänzer. Dies ließe sich noch einfach zum Beispiel mit einem Gummiring als Markierung beheben.

Außerdem ist für mich das Bezahlen mit Kleingeld entweder sehr zeitaufwendig oder ohne Hilfe nicht möglich. Einfacher wäre es, wenn Getränkemarken verkauft würden. Da würde ich mir einen Vorrat kaufen, den ich mit einem Geldschein bezahlen kann. Das Bezahlen der Getränke mit einer Wertmarke wäre für mich genauso einfach wie mit Geldscheinen und ohne Hilfe möglich.

Ein weiterer Vorteil wäre, dass die Kasse nach der Afterparty schneller abgerechnet wäre, weil die Wertmarken schneller gezählt werden könnten, als das Kleingeld. Von einer solchen Regelung hätten also alle einen Vorteil.

Mitgliederlisten

Je nach visueller Leistungsfähigkeit ist die Mitgliederliste in der Printausgabe nicht nutzbar. Sie ist aber für die Mitglieder grundsätzlich hilfreich, um sich zu Fahrgemeinschaften verabreden zu können. Ist eine solche Liste Mitgliedern mit Sehschädigung nicht zugänglich, so steht diese gerade denen nicht zur Verfügung, für die sie wichtiger ist als für die sehenden Autofahrer.

Vom Grunde her wäre ein barrierefreies beziehungsweise zugängliches digitales Dateiformat hier eine gute Lösung. Dies im Einklang mit dem Datenschutz und der Wahrung von Persönlichkeitsrechten der Mitglieder umzusetzen, ist jedoch sehr schwierig.

Eine Lösung des Problems kann hier deshalb zurzeit nicht angeboten werden.

Fazit

Ich mache Square Dance auch deshalb, weil ich hierbei einige Probleme nicht habe, die ich durch meine Sehschädigung beim Standardtanz habe.

Square Dance hat für mich vom Grunde her fast keine Barrieren, bei den Rahmenbedingungen sieht dies jedoch oft anders aus. Mit den genannten Beispielen konnte ich hoffentlich zeigen, dass dies nicht sein muss und von Barrierefreiheit auch Sehende profitieren können.

 

 

 

Published inSquare Dance
© Copyright by Stephan Jacobs 2015